TiAM FundResearch: Herr Born, ein kurzer Rückblick. Wie fällt Ihr Résumé für das Börsenjahr
2024 aus?
Matthias
Born: 2024 war
definitiv ein gutes Jahr für viele Anleger. Vor allem, wenn man sich die
Entwicklung des MSCI World oder speziell des S&P 500 ansieht, war das ohne
Frage ein Superjahr. Aber: Es gab auch eine Reihe von Segmenten und Regionen,
die nicht so stark performt haben. Europa, und hier insbesondere Small Caps in
Europa, auf die wir bei Berenberg stark setzen, hinken ihrem
Bewertungspotential hinterher. Hier war vor allem das eingetrübte
konjunkturelle Umfeld in Europa das Problem.
Was
muss passieren, dass es in diesem Jahr in Europa besser läuft?
Der
Trigger dafür ist eine Erholung der Konjunktur in Europa. In einigen Sektoren
wie dem Service- und Konsumsektor sieht es in Europa ja gar nicht so übel aus.
Aber ein wirtschaftlicher Aufschwung hängt vor allem von einer Erholung der
deutschen Industrie ab, die schon länger in der Krise steckt.
Weshalb?
Von der Entwicklung der Industrie hierzulande
können sich die anderen europäischen Länder nicht entkoppeln, da sie alle mit
Deutschland sehr eng vernetzt sind. Drei Faktoren sind meiner Meinung
entscheidend, dass es zu einem industriellen Comeback kommt.
Welche Faktoren sind das?
Viel hängt erstens vom Zinsumfeld ab. Und das
sieht angesichts der Zinswende der EZB deutlich freundlicher aus als noch vor
einem Jahr. Ein zweiter entscheidender
Faktor für eine Erholung ist eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage auf
dem wichtigen Exportmarkt China. Der dritte wichtige Punkt ist, dass der
Lagerabbau ein Ende findet. Denn die Industrie, aber nicht nur sie, hat in der
Pandemie ihre Lager gefüllt, weil die Angst vorherrschte, dass die Lieferungen
ausfallen. Dann kam der Abschwung und die Lager in vielen Branchen waren auf
einmal zu voll. Und dieser Lagerabbau hält bis heute an. Das soll heißen: Eine
Normalisierung von Zinsen, eine Verbesserung der Lage in China und normalisierte
Lager könnten die Industrie wieder in Schwung bringen. Aber auch die USA
könnten für Impulse sorgen, neben China der wichtigste Exportmarkt außerhalb
Europas - wenn da nicht das Damoklesschwert Zölle über uns hängen würde.
Und wie sieht die Lage aktuell aus?
Erste Zeichen stimmen uns positiv, dass es in
Europa zu einer leichten konjunkturellen Erholung kommt. Und die ist sehr
wichtig, denn dann werden internationale Anleger auch wieder mehr Geld in Europa
investieren. Das dürfte sich vor allem für zyklische Werte, als auch für viele
Small-Cap-Titel, positiv auswirken.
Hoffen Sie auch auf Nachholeffekte bei Nebenwerten
vor diesem Hintergrund einer Erholung?
Ja, sicherlich. Wenn die Zuflüsse wieder
zurückkommen Richtung Europa, dann wird sich das besonders bei europäischen
Small Caps sehr positiv auswirken, denn sie sind im Vergleich zu den Large Caps
historisch sehr günstig bewertet. Angesichts der geringen Liquidität im Markt
braucht es nicht viele Kapitalzuflüsse in das Segment, damit die Kurse deutlich
steigen. Langfristig spricht ohnehin viel für europäische Small Caps. Sie
bieten allein aufgrund ihres höheren Wachstumstempos deutlich mehr
Gewinnpotenzial als Large Caps.
Welche Titel haben Sie sonst
noch im Auge?
Wir setzen in unseren Portfolios nicht nur
auf Werte, die Aufholpotenzial haben, sondern auch auf die, die von
langfristigen strukturellen Trends profitieren. Ich glaube, diese Kombination
von Titeln mit Aufholpotenzial sowie Profiteuren von langfristigen Trends ist aktuell
die richtige Mischung.
Welche Trends sind das?
Bei unseren Kernsektoren Konsum, Technologie,
Industrie und Gesundheit finden wir viele Wachstumstrends, die bei uns
besonders im Fokus stehen, da sie sicherlich den Markt noch länger stark beeinflussen
dürften. Man kann hier sogar von Megatrends sprechen.
Haben Sie ein paar konkrete
Beispiele?
Ein Beispiel in unserem Portfolio ist das
Industrieunternehmen Schneider Electric, das vom Datencenter- und Netzausbau stark
profitiert. Im Technologiebereich mögen
wir Softwarefirmen. Hier halten wir SAP als größte Position im Fonds, zudem den
Bausoftwarehersteller Nemetschek. Im Konsumbereich in Europa setzen wir auf
Luxusgüterfirmen wie Richemont und Hermes, deren Wachstum trotz eines schwachen
chinesischen Konsumenten weiter sehr robust ist. Im Pharmabereich gehören Novo
Nordisk und Astrazeneca dazu. Der Sektor hat sich im vergangenen Jahr unterdurchschnittlich
entwickelt. Das hatte einerseits unternehmens- und wachstumsspezifische Gründe,
aber auch die Trump-Wahl sorgte in der Branche für Unsicherheiten, da es
regulatorische Änderungen geben könnte. Wir sehen hier eine attraktive
Gelegenheit.
Welche
Rolle spielen Finanzwerte bei Ihnen, die ja zuletzt sehr gut abgeschnitten
haben?
Wir
haben Finanzwerte im Portfolio, aber nicht die klassischen großen Banken und
Versicherer, die die letzten zwei Jahre besonders stark performt haben. Denn
wir wollen in Firmen investieren, die
mit hoher Wahrscheinlichkeit langfristig zweistellig wachsen können. Und bei
Banken sehen wir kein Geschäftsmodell, das langfristig auf diesem Level
nachhaltig wächst. Das heißt aber nicht, dass wir gar keine Finanzwerte
berücksichtigen.
Welche
haben Sie im Portfolio?
Wir haben Finanzdatenanbieter
wie die London Stock Exchange und Deutsche Börse in den Fonds, die sich in den
vergangenen Jahren zwar positiv, aber eben auch nicht so gut wie die Banken
entwickelt haben. Und dann investieren wir in die kapitalmarktorientierten Geschäftsmodelle
in Form von Private-Equity-Firmen, aber auch Online-Plattformen wie Swissquote.
Auch Bezahltechnologieanbieter wie Adyen befinden sich auf einem strukturellen
Wachstumspfad.
Gab es in
den vergangenen Monaten große Verschiebungen in Ihren Fonds, die die von Ihnen
erwähnten vier Säulen betrifft?
Nein, da gab
es keine substanziellen Veränderungen. Normalerweise ergeben sich Verschiebungen
nur auf Einzeltitelbasis, da wir als Stock Picker agieren. Die beiden großen
Themen der letzten Monate, DeepSeek und Trump 2.0 haben dennoch zu einigen
wenigen Anpassungen geführt. Im KI-Bereich verschiebt sich die Präferenz hin zu
Softwareanbietern und IT-Consultants. Trump 2.0 führt dazu, dass wir uns robust
hinsichtlich der möglichen Zölle aufstellen.
Wie
suchen Sie nach neuen Titeln?
Ein großer
Baustein sind nach wie vor die vielen Gespräche mit Unternehmen weltweit. Dies
dient einerseits dazu, die Geschäftsmodelle im Detail zu verstehen, aber auch
nach neuen Ideen und Trends Ausschau zu halten. Zudem verbessern wir unsere
Tools, einerseits unsere Screening-Methoden, um Kriterien wie Gewinnmomentum
und Qualität noch zielgenauer herausfiltern zu können. Zudem arbeiten wir auch
mit KI, um die Effizienz zu steigern, das heißt Informationen schneller und
umfassender zu erfassen und für uns passgenau aufzuarbeiten. Der
Portfoliomanager bleibt dabei aber sowohl Entscheider als auch Ideengeber
bezüglich neuer Titel und Trends, die wir an den Märkten sehen.
Herr
Born, ich danke für das Gespräch.
Zur
Person:
Matthias
Born ist seit 2017 CIO Equities und seit 2019 zudem Head of Investments im
Wealth and Asset Management. Born managt zudem den Berenberg Eurozone Focus Fund und
des Berenberg European Focus Fund.
Born begann seine Karriere 2001 bei Allianz Global Investors (AGI), wo er von
2002 bis 2017 Portfolios für europäische Small-Caps, europäische Wachstumstitel
und deutsche Aktien verwaltete. Er studierte an der Universität Würzburg und
hält einen Abschluss in Betriebswirtschaftslehre.
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